Die Insektenhäufigkeit in Mitteleuropa nahm in den letzten 27 Jahren um über 75% ab. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kam eine 2017 veröffentlichte Langzeitstudie im deutschen Krefeld. Ein weltweites Phänomen. Jüngst meldeten Australische Wissenschaftler, die 73 internationale Studien zum Insektensterben ausgewertet haben, dass allein in den letzten zehn Jahren 41% der Insekten in die Gefährdungsklasse gerutscht seien. Laut Naturschutzbund nehmen in Österreich 14 000 der bislang bekannten Insekten im Bestand ab. Die Hauptgründe für das Sterben der artenreichsten Gruppe aller Lebewesen sind Vergiftung der Umwelt, Lebensraumverlust, Einschleppung exotischer Arten sowie Klimawandel. Besonders problematisch ist die industrielle Landwirtschaft. In Österreichischen Agrarwirtschaftsgebieten ist die Häufigkeit an Tagfaltern im letzten Jahrhundert auf 1 bis 0,5% geschrumpft. Lediglich die weniger erschlossenen Alpengegenden können noch als Rückzugsgebiete für dort angepasste Arten gelten.

​Die Serie PERIKULARIUM (Sammlung der Gefährdeten) widmet sich diesem Thema und ist in Kooperation mit der Naturwissenschaftlichen Sammlung der Tiroler Landesmuseen entstanden. Die Arbeit ist Kunstprojekt, wissenschaftliche Dokumentation und Zeitdokument zugleich. 29 Insekten, die in Österreich bzw. Tirol entweder bereits ausgestorben oder stark gefährdet sind, stehen in der Serie exemplarisch für das Artensterben. Die Auswahl der Tiere ergab sich aus Diversitätsgründen: Käfer sind ebenso wie Hautflügler und Schmetterlinge vertreten  ̶  ganz kleine, in der Natur kaum wahrnehmbare, ebenso wie größere, schillernde Arten. Mit feinen Pinseln und Bleistift wurden die Insekten einzeln in akkurater Detailarbeit originalgroß auf A5 Blätter gezeichnet. Die Ruhe des weißen Blattes sowie die klare, genaue Darstellungsweise ermöglichen eine konzentrierte Wahrnehmung der Tiere. So erhält die mediale Horrorbotschaft vom Massensterben einen detaillierten, konkreten Bezug: Was man kennt, wird man vermissen. Die Dekontextualisierung und Inszenierung der Insekten auf dem weißen Blatt verweist auf die Zukunft, in der bestenfalls Präparate in Museen an eine einst reiche, als selbstverständlich empfundene Tierwelt erinnern wird.

© 2019 Alexandra Kontriner